Arbeit wird gemeinhin als identitätsstiftendes Moment gesehen. Die scheinbar harmlose Frage: „Und, was machst du so?“ bezieht sich beinahe immer auf den Inhalt der eigenen (Erwerbs-)Tätigkeit, wobei Menschen stigmatisiert werden, die keiner bezahlten Arbeit nachgehen.

Doch auch das Einsetzen eines Großteils der eigenen Energie in Lohnarbeit, unabhängig davon, ob sie Spaß macht oder als notwendiges Übel erachtet wird, bedeutet noch lange nicht, dass damit der Lebensunterhalt bestritten werden kann oder gar eine gute Altersversorgung in Aussicht steht.

Besonders Menschen mit Beeinträchtigung stehen unter Druck. Aufgrund zugeschriebener geistigen und körperlichen Fähigkeiten ist die selbstbestimmte Wahl des Arbeitsplatzes noch stärker eingeschränkt. Gutachten entscheiden über Werkstatt, Außenarbeitsplatz oder ersten Arbeitsmarkt und zwingen die Betroffen damit in ein unglaublich niedriges Lohnniveau. Hinzu kommt, dass der ohnehin geringe Lohn nur zu einem geringen Teil selbstbestimmt ausgegeben werden kann. Gesellschaftliche Teilhabe wird dadurch stark eingeschränkt. Das Zauberwort Inklusion ist auch im Bereich Arbeit noch lange nicht angekommen.

 

Derart prekäre Lebensverhältnisse, bei deren trotz Lohnarbeit am Ende des Monats nicht selten weniger als das übrig bleibt, was zum Bestreiten des Lebenserhaltungskosten notwendig ist, sind nicht akzeptabel. Unser Anliegen ist deshalb einerseits die Schaffung von besseren Arbeitsverhältnissen, bei denen alle würdevoll leben können, ohne die eigene Gesundheit in ewigen Schichtsystemen zu zerstören. Andererseits hören unsere Forderungen hier nicht auf. Wir wollen vielmehr Mittel und Wege finden, wie kapitalistische Lohn- und Erwerbsarbeit zurückgedrängt und verringert werden kann. Dazu gehört auch die Anerkennung verschiedener Biografien, die auch in der Partei DIE LINKE oftmals nicht gelebt wird. Da sehen sich vor allem junge Aktivist_innen schnell dem Vorwurf ausgesetzt, „noch nichts Ordentliches“ gemacht oder gelernt zu haben, weil Leute in völliger Unkenntnis heutiger gesellschaftlicher Verhältnisse Menschen und deren Werdegang an der normativen Erwartung messen, die sie vor über 20 Jahren selbst eingetrichtert bekommen haben. Dieses kleinbürgerliche Beharren auf stringente Lebensläufe, bei dem eine Lücke das absolute worst-case-scenario darstellt und der menschliche Wert in Zertifikaten, Abschlüssen und Arbeitszeugnissen bemessen wird, schränkt nicht nur die Individualität ein, sondern reproduziert beständig den kapitalistischen und neoliberalen Status Quo.

Die Sucht nach Erwerbsarbeit hat nicht zuletzt zum knallharten Standort-Wettbewerb geführt, zu dessen Gunsten das ganze neoliberale „Reform“-Projekt der Agenda 2010 überhaupt erst ausgerollt wurde. Wenn „Linke“ und Gewerkschafter_innen plötzlich in einer Einheitsfront mit der Arbeitgeberseite stehen, wenn es um die Schleifung von sozialen Rechten geht, wenn es um die „Jobs“ geht, die durch das Abbaggern ganzer Landstriche „erhalten“ bleiben oder wenn wirtschaftlich unterlegene Volkswirtschaften sehenden Auges verarmt und niederkonkurriert werden bis zum Kollaps, dann kann unsere Antwort nur lauten: Nieder mit der Diktatur kapitalistischer Lohnarbeit!

Aber nicht nur Lohnarbeit ist prekär, sondern auch schulischen und akademischen Ausbildungen, Deshalb soll der Bafögsatz vom Gehalt der Eltern abgekoppelt werden und gleichzeitig soweit erhöht werden das ein unabhängiges, selbstbestimmtes Leben möglich wird. Der Bafögsatz soll nicht verschulden (ähnlich Schülerbafög).

Wir wollen die tiefgreifenden sozialen Veränderungen, die mit den Veränderungen der Arbeitswelt einhergegangen sind, nicht zu Gunsten eines Wohlfahrtstaates wie in der BRD der 70er Jahre aufgeben. Freiere und flexiblere Gestaltung des Lebens wollen wir behalten – aber ohne Burn-Out, Armut und permanenten Konkurrenzkampf. Darum hegen wir noch immer große Sympathie für ein Konzept eines linken Bedingungslosen Grundeinkommens.